Wenn Aktivität nicht mehr trägt, beginnt die Begegnung.
Was bleibt, wenn Worte weniger werden, Fähigkeiten nachlassen und vertraute Beschäftigungen nicht mehr tragen? Ein inneres Erleben, das weiter spürt, wahrnimmt und nach Verbindung sucht. Die „Multisensorische Seelenresonanz“ richtet den Blick auf genau diese oft übersehenen Momente. Denn manchmal ist nicht entscheidend, was ein Mensch noch tut – sondern was ihn innerlich berührt.
Leseverzeichnis
- Den Menschen in seinem inneren Erleben erreichen
- Beschäftigung beginnt mit Begegnung
- Resonanz ist die innere Antwort des Menschen
- Nicht die Aktivität entscheidet, sondern das Erleben
- Eine multisensorische und seelenorientierte Erweiterung
- Beziehung als tiefste Form der Beschäftigung
- Über die Autorin
Den Menschen in seinem inneren Erleben erreichen
Die „Multisensorische Seelenresonanz“ (MSR) versteht sich nicht als Gegenmodell zu den Anforderungen des Medizinischen Dienstes, der Heimaufsicht oder den Vorgaben des § 113c SGB XI. Vielmehr erweitert sie den Blick auf den Menschen. Sie ergänzt bestehende pflegewissenschaftliche Ansätze um eine Dimension, die in der Begleitung von Menschen mit Demenz von zentraler Bedeutung ist: das innere Erleben.
Mit dem Fortschreiten einer Demenzerkrankung verlieren viele Menschen zunehmend die Fähigkeit, Aktivitäten bewusst zu planen, Handlungsabläufe nachzuvollziehen oder über längere Zeit an klassischen Beschäftigungsangeboten teilzunehmen. Daraus darf jedoch nicht geschlossen werden, dass auch ihr Bedürfnis nach Teilhabe, Sinn, Zugehörigkeit, Würde und Lebensqualität verloren geht.
Während kognitive Fähigkeiten nachlassen, bleiben emotionale Wahrnehmung, Bindungsfähigkeit und Sinneserleben häufig lange erhalten. Auch Atmosphäre, Nähe und zwischenmenschliche Beziehung können weiterhin tief erfahren werden.
Beschäftigung beginnt mit Begegnung
Die „Multisensorische Seelenresonanz“ geht davon aus, dass echte Teilhabe nicht ausschließlich durch Aktivität entsteht, sondern wesentlich durch Beziehung. Ein Mensch mit Demenz erlebt Würde nicht allein deshalb, weil er erfolgreich an einer Bastelgruppe teilnimmt oder eine Aufgabe erfüllt. Er erlebt Würde, wenn er sich gesehen, verstanden, angenommen und verbunden fühlt.
Deshalb beginnt Beschäftigung im Verständnis der „Multisensorische Seelenresonanz“ nicht mit einem Angebot, sondern mit einer Begegnung.
Das gemeinsame Sitzen in der Sonne, das Halten einer Hand, das Lauschen vertrauter Musik, das Wahrnehmen eines vertrauten Duftes, das Beobachten der Natur oder das stille Verweilen in einer Atmosphäre von Sicherheit und Geborgenheit können für einen Menschen mit Demenz eine tiefere Form der Teilhabe sein als eine geplante Aktivität. Entscheidend ist nicht allein, was geschieht. Entscheidend ist, was dieses Geschehen im Inneren des Menschen auslöst.
Resonanz ist die innere Antwort des Menschen
Im Zentrum der „Multisensorischen Seelenresonanz“ steht deshalb der Begriff der Resonanz. Resonanz beschreibt die innere Antwort eines Menschen auf eine Begegnung, eine Beziehung, eine Atmosphäre oder einen Sinnesreiz. Sie entsteht dort, wo sich ein Mensch berührt, verstanden, angenommen oder verbunden fühlt.
Bei Menschen mit Demenz geschieht dies häufig nicht mehr über Worte oder logisches Verstehen. Der Zugang kann über Gefühle, Erinnerungen, Sinneseindrücke, vertraute Atmosphären und emotionale Sicherheit entstehen. Resonanz zeigt sich oft in kleinen, leicht zu übersehenden Momenten: in einem Lächeln, einem entspannteren Gesichtsausdruck, ruhiger werdenden Bewegungen, einem Blickkontakt, dem Mitsummen eines Liedes oder dem Ergreifen einer Hand. Es sind Zeichen dafür, dass der Mensch innerlich erreicht wurde.
Resonanz ist damit mehr als Beschäftigung im klassischen Sinn. Resonanz ist gelebte Beziehung.
Nicht die Aktivität entscheidet, sondern das Erleben
Zwei Menschen können an derselben Aktivität teilnehmen und dennoch völlig unterschiedliche Erfahrungen machen. Während der eine Freude, Zugehörigkeit oder Erinnerungen erlebt, empfindet der andere möglicherweise Überforderung oder bleibt innerlich unberührt. Die Aktivität ist dieselbe. Die Resonanz ist individuell.
Deshalb betrachtet die „Multisensorische Seelenresonanz“ nicht allein die Teilnahme an einer Beschäftigung als Maßstab für Lebensqualität. Entscheidend ist vielmehr, welche Gefühle, Erfahrungen und inneren Bewegungen dadurch entstehen. Die zentrale Frage lautet daher nicht nur: „Was hat der Bewohner heute gemacht?“ Viel bedeutsamer ist: „Was hat der Bewohner heute erlebt?“ Konnte er Sicherheit spüren? Hat er Verbundenheit erfahren? Konnte er Freude, Ruhe, Trost, Geborgenheit oder Sinn erleben?
In dieser Veränderung der Fragestellung liegt ein grundlegender Perspektivwechsel. Der Mensch wird nicht danach betrachtet, was er noch leisten oder sichtbar tun kann, sondern danach, was ihn innerlich erreicht.
Eine multisensorische und seelenorientierte Erweiterung
Der Ansatz der „Multisensorischen Seelenresonanz“ steht in Verbindung mit Grundgedanken der personenzentrierten Pflege nach Kitwood und erweitert diese um eine multisensorische und seelenorientierte Perspektive. Im Mittelpunkt stehen die individuellen Bedürfnisse, Gewohnheiten, Ressourcen und Ausdrucksformen des Menschen. Zugleich richtet sich die Aufmerksamkeit auf jene inneren Reaktionen, die sich nicht immer sprachlich äußern und nicht allein über sichtbare Aktivität erfassen lassen.
Damit unterstützt die „Multisensorische Seelenresonanz“ eine bedürfnisorientierte soziale Betreuung und Teilhabeförderung auch dort, wo klassische Beschäftigungsangebote nicht mehr greifen oder nicht sichtbar zeigen können, was ein Mensch tatsächlich erlebt.
Beziehung als tiefste Form der Beschäftigung
Im Verständnis der „Multisensorischen Seelenresonanz“ kann Beziehung zur tiefsten Form der Beschäftigung werden. Denn auch dort, wo Sprache verloren geht, bleibt emotionale Verbindung möglich. Dort, wo Aktivität nicht mehr gelingt, kann Resonanz entstehen. Und dort, wo ein Mensch sich angenommen, verstanden und verbunden fühlt, kann Lebensqualität erfahrbar werden.
Resonanz lässt sich nicht herstellen, verordnen oder erzwingen. Sie entsteht freiwillig, individuell und oft in einem kaum planbaren Moment. Die Aufgabe professioneller Begleitung besteht deshalb nicht darin, Resonanz zu produzieren. Sie besteht darin, den Menschen so aufmerksam wahrzunehmen und Bedingungen so sensibel zu gestalten, dass Resonanz entstehen darf. Nicht jede Beschäftigung erzeugt Resonanz. Doch jede echte Resonanz kann zu einer Form von Teilhabe, Würde und Lebensqualität werden.
Genau darin liegt die besondere Kunst einer seelenorientierten Demenzbegleitung.
Was bleibt, wenn Worte weniger werden, Fähigkeiten nachlassen und vertraute Beschäftigungen nicht mehr tragen? Ein inneres Erleben, das weiter spürt, wahrnimmt und nach Verbindung sucht. Die „Multisensorische Seelenresonanz“ richtet den Blick auf genau diese oft übersehenen Momente. Denn manchmal ist nicht entscheidend, was ein Mensch noch tut – sondern was ihn innerlich berührt.
Wenn Aktivität nicht mehr trägt, beginnt die Begegnung.
Über die Autorin
Marisol Pohl-Catalan ist Gründerin der Villa Rosenstein und entwickelte mit der „Multisensorischen Seelenresonanz“ (MSR) das Fundament der „Seelenbasierten Demenzbegleitung“.
Aufbauend auf den personenzentrierten Pflegevorstellungen von Tom Kitwood steht für sie der Mensch mit seiner Würde, seiner Persönlichkeit und seiner unverwechselbaren Lebensgeschichte im Mittelpunkt. Beziehung beginnt für sie mit einer echten Begegnung, die den Menschen so wahrnimmt, wie er sich gerade erlebt und ihm in seinem Sein begegnet.
Dieser Weg entstand aus ihrer persönlichen Suche nach einer anderen Form des Begleitens. Tief bewegende persönliche Erfahrungen mit den Missionarinnen von Mutter Teresa prägten ihre Überzeugung, dass Nähe, Mitgefühl und Resonanz oft mehr bewirken als Worte oder Handlungen.
Aus dieser inneren Haltung entstand die Villa Rosenstein – ein Lebensraum, in dem Menschen mit Demenz nicht über ihre Einschränkungen definiert werden, sondern in Beziehung, Geborgenheit und echter Teilhabe leben dürfen.